
Jüdischer Friedhof II
So war es bis zu Beginn jener Schreckensherrschaft des sog. Dritten Reiches, welches dieses gewachsene, gute Verhältnis zwischen den Deutschen christlicher und jüdischer Herkunft gewaltsam auseinanderriß und das Leben der jüdischen Gemeinde völlig auslöschte. Nur einzelne kamen zurück aus den Konzentrationslagern. Fast alle sind umgekommen durch die Gewaltherrschaft des Naziregimes. Aber die grablos Gestorbenen haben in den Gedenksteinen des jüdischen Friedhofs aus früheren Jahrzehnten ein Mahnmal erhalten, das uns bis heute erinnert und die Zukunft bedenken läßt in der Aufarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit. Der Friedhof an der Allersheimer Straße ist alles andere als nur ein "Totenendlager" gestorbener Körper. So geschichtslos möchten viele heute den Tod und die Vergangenheit sehen. Aber die Toten werden immer noch ihre Geschichte haben mit den Lebenden, im Einzelschicksal wie im Leben der Völker. Die Kirchengemeinde versteht ihre Verantwortung für den Friedhof der Stadt Holzminden deshalb in der Weise, Stimme zu sein für alle jene, die gewaltsam ihr Grab hinnehmen mußten als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter der Weltkriege, als in Gefangenschaft geborene und gestorbene Kinder oder an Hunger und Seuchen umgekommene Mütter, Söhne und Väter aus fast allen Nationen Europas, oft genug ohne Sarg, ohne Trauerfeier, ohne Hoffnung. Die meisten Schicksale bleiben im Dunkeln. Anfragen aus dem europäischen Ausland und der Sowjetunion mehren sich. Die Toten sind keineswegs vergessen. Mit den Lebenden nimmt die Kirchengemeinde Kontakt auf. Jährlich pflegt die Jugend der Luthergemeinde am Tag der Reichspogromnacht, dem 9. November, in der "Aktion jüdischer Friedhof" die Gräber des jüdischen Friedhofs und des unmittelbar sich anschließenden Gräberfeldes von 126 Kindern, Frauen und Männern russischer und polnischer Nationalität, die in den Gefangenenlagern für "Ostarbeiter" in der Region Holzminden während des Zweiten Weltkrieges den Tod fanden. Brücken sind geschlagen worden zur jüdischen Gemeinde und nach St. Petersburg und in die Ukraine. Um Brücken der Versöhnung geht es in der Dokumentation dessen, was im folgenden an Zahlen und Einzelschicksalen festgehalten ist.